Ursula Fukazawa, Deutschland
Stundenglas des Lebens
Lange Zeit beschäftigte mich immer wieder ein interessanter Traum.
Die Erde befindet sich dabei im inneren, oberen Glaskolben eines Stundenglases, wo sie sich sehr langsam und äusserst plastisch verformt, um den einzigen "Ausgang" durch den engen Hals zur anderen Seite des Glases zu meistern. Die Menschen purzeln wie Millionen lustiger, kleiner funkelnder "Sandkörnchen" übereinander - ins Nichts, denn mein Stundenglas hat keinen Boden...
Seltsam, was mir vordergründig sogar lustig erschien, machte mich schliesslich nachdenklich.Ein ähnliches Bild "erträumte" ich schon einmal während einer übung im Rahmen der trilogischen Grundschulung; damals allerdings (horizontal-medial) für einen Nachbarn aus der Gruppe.
Ich erinnere mich gut, dass mein Nachbar damals Freude an meinem "seltsamen Stundenglas" hatte und sinnvolle Bezüge für sich und seinen Alltag herstellen konnte.Scheinbar schaute ich damals selbst zu kurz in den Spiegel der Selbstreflexion und wurde daher noch einmal im Traum mit diesem speziellen Symbol konfrontiert, wohl ahnend um die Kette des Erkennens, die sich jederzeit immer wieder neu knüpfen lässt.
Mein Unterbewusstsein gab mir demnach einen deutlichen Anstoss, mich mit diesem Sinnbild noch einmal genauer zu beschäftigen.
Sieht man die "Sand-Uhr" und den "Globus" lediglich als "Geräte" an, dienen beide dazu durch Zählen, Messen und Einteilen die Umwelt genauer zu erfassen und darzustellen.
Ich assoziiere das Stundenglas als Symbol für Vergänglichkeit, die zeitlich Begrenzung alles Lebendigen. Gleichzeitig geht es aber auch um Besonnenheit, Ruhe und Andacht.Die Zeit bekommt dabei ein Mass, welches ich bestimme. Eine Möglichkeit sich vom äusseren
Zeitfluss - jenseits jeglicher Fremdbestimmung zu "erholen".
" ICH nehme mir Zeit, ICH stelle die Uhr".
In meinem Traumbild "steckt" die Erde mitsamt ihrer Bewohner sozusagen im
Stundenglas fest.
Menschliche göttlich- funkelnde "Seelen- Körnchen" fallen nach der einengenden,
symbolisch transformierenden Passage im "Sanduhrkanal", geburtengleich in eine
dunkle und bodenlose Unendlichkeit hinab.
Sicher ein interessanter bildlicher Ausdruck für den ständig vorbeiziehenden Lebenslauf
auf unserer globalisierten Erde, welcher sich scheinbar immer schneller vollzieht und
unaufhaltsam wirkt.
Taumeln die Menschen inzwischen bewusst- los vom Zeitdruck ohne wahres Zeitempfinden
durch den Alltag ?
Im "www. -Zeitalter" können wir in sekundenschnelle mit fast jedem Ort der Welt
kommunizieren. Zeit und Raum sind fast mühelos zu überwinden, und um die
verschiedenen Zeitzonen auszugleichen wurde sogar eine "Internet-Zeit" kreiert, welche
den Tag in 1000 Schläge (beat) aufteilt, die weltweit gleichzeitig zu verfolgen sind.
Es herrscht buchstäblich zu jeder Stunde Gegenwart.
Michael Ende hat in seinem wunderbaren Buch "Momo" eine Geschichte über Zeitdiebe
und ein Kind geschrieben, das den Menschen ihre gestohlene Zeit zurückbringt.
Bei ihm besteht die Zeit aus Stundenblumen, die für jeden Menschen blühen und jeweils
verschieden aussehen. Dummerweise gibt es ominöse graue Herren, die sich von den
Stundenblumen, in gefriergetrockneter Form, ernähren. Um sie zu bekommen müssen
sie den Menschen einreden, doch ihre Zeit zu sparen und nicht zu verschwenden.
Von der so eingesparten Zeit drehen sie dann ihre Zigarren. Eine grausame Welt entsteht,
aus der nur Momo die Menschheit gerade noch retten kann.
Uns stellt sich dabei wirklich unüberhörbar die Frage, was wir mit all der Zeit machen, die
wir durch immer bessere, schnellere Maschinen etc. einsparen?
Trotzdem bleibt die Zeit für uns alle weiterhin schwer zu verstehen, oder gar zu beherrschen.
Es drängen sich alsbald begriffliche Schwierigkeiten beim Umgang mit ihr auf.
Wie können das Vergangene und die Zukunft existieren, wenn das Vergangene nicht mehr
und die Zukunft noch nicht ist??
Auf meinen zahlreichen Zugreisen zur "Trilogos- Grundschulung" in die Schweiz konnte
ich die Zeit oft wie eine feste, lineare Grösse z.B. - eine Strecke von Mainz nach Liestal -
erfahren. Der zurückgelegte Weg ist die Vergangenheit, der vor mir liegende Weg ist die
Zukunft und der jeweils aktuelle Aufenthalt die Gegenwart.
Bin ich also in meiner Zeit auf meinem Weg, erlebe ich die Zeit als Ruhe, das Sein, ein
ruhiges Dahingleiten (wie im Zug).Entferne ich mich vom Weg, scheint die Zeit davon-
zueilen, wie z.B. ein Aussteigen in Basel, lustiges "Shoppen" in der Stadt etc.
Je schneller ich dem Vergnügen, dem "vermeintlichen Leben" hinterher renne, desto
schneller vergeht scheinbar die Zeit. Nicht die Zeit läuft mir hier davon, sondern ich bin
es selbst, abseits meines Weges...
Sicher ist es sinnvoll wieder in den "Zug" einzusteigen und eins mit dem eigenen
schicksalhaften Weg zu werden. Dann fühlt sich die Zeit endlos an und mein Leben bleibt
auf meiner eigenen inneren "Seelenspur", statt sich im äusseren zu verlieren.
Demnach ist die Zeit der Weg, und der Weg ist das Ziel.
Ist die Zeit, als Fluss meines Lebens, mein Freund, dann wird das Leben und
sein schicksalhafter Weg ebenfalls mein Freund sein.
Es lässt sich feststellen, dass besonders für östliche Kulturen kein "Fluss der Zeit", sondern
ein "Rad der Zeit" existiert. In diesen Kulturen folgen die Ereignisse nicht einer linearen,
sondern einer zyklischen Spur, was ein anderes Zeitverständnis und daher auch einen
anderen Umgang mit der Zeit zur Folge hat.
In dieser Vorstellung durchläuft die Zeit einen bestimmten wiederkehrenden Zyklus.
Das religiöse Jahr wiederholt sich mit kultischen Festen. Immer wiederkehrende Ereignisse
im Laufe eines Jahres, z.b. Saat und Ernte, Sommer und Winter, Tag und Nacht, prägten
und prägen auch heute noch das Leben vieler Menschen auf der Erde.
Im zyklischen Kreislauf des "Werdens und Vergehens" kann der Mensch eine gewisse
Gelassenheit in der Geborgenheit des "Kosmos" entwickeln.
Im linearen Verlauf stellt sich dem Menschen sein Verhältnis zur Welt vor Augen. Es
drängt sich ihm die Frage nach Sinn inmitten von Vergänglichkeit, Tod und Leben danach
auf.
Erstrebenswert scheint es mir auch noch, ein Bewusstsein zwischen Langsamkeit und
Geschwindigkeit entwickeln zu können.
In unserem allzu schnelllebigen Zeitalter ist der Kontakt zur "inneren Schildkröte"
wichtig.
Jeder von uns kennt den folgenden Satz:" Der Anblick war atemberaubend schön, so
als stünde die Zeit kurz still..."
In dieser Aussage versteckt sich für mich der Begriff der "Zeitlosigkeit". Alles steht
scheinbar still, der Atem, die Gedanken und auch das Bewusstsein ruht.
ähnliches können wir während der Meditation erleben. Erstaunt uns hinterher nicht
immer wieder die Diskrepanz zwischen tatsächlicher, vergangener und persönlicher,
gefühlter Zeit? Für mich drückt sich Zeit daher auch durch die ständige Bewegung
der Gedanken aus.
Das Lebenstempo zu wechseln ist ein Kunst, welche uns z.B. die Japaner immer wieder
gern vormachen.
Atemberaubend und präzise wie ein Uhrwerk verläuft auf den japanischen Inseln
das öffentliche Leben. Wer zu spät kommt ist blossgestellt!
Kommen die Menschen aber privat zusammen, stehen Gemeinschaft und Harmonie an
erster Stelle. Ritualisierte Handlungen wie z.B. die jap. Teezeremonie schaffen Stätten
der Ruhe, geben eine Möglichkeit der inneren Einkehr und gelten sogar als Weg
zur Erleuchtung .Beim Tee und in den gemeinsamen heissen Bädern ist die
Betriebsamkeit des Alltags plötzlich unwichtig, nur das Hier und Jetzt zählt.
Hier kann die "innere Schildkröte" sogar den Kopf unter ihrem Panzer hervorstrecken ...
Der symbolische Traum vom "irdisch-lebendigen" Stundenglas hat mir
viele neue Denkanstösse gegeben.
Sicherlich ist die Macht der Uhren und die sie anzeigende Zeit ein Thema,
welches mich im Hinblick auf meine, im Ausweis gnadenlos dokumentierte,
ablaufende Lebenszeit, im Unterbewusstsein sehr beschäftigt hat.
Durch die trilogische Methode werden die Sinne für Symbole geschärft und damit
Möglichkeiten geschaffen ins Ungleichgewicht geratenes (hier mein Zeiterleben)
bewusst zu machen und wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Ich kann die Angst im Strudel der Zeit haltlos zu werden und zu ertrinken hinter mir
lassen. Ich weiss inzwischen meine Endlichkeit auf Erden anzunehmen und in ihr
meine Entscheidungen zu treffen. Stetiges Erinnern, Schauen und Erwarten lässt
mich immer wieder Innehalten und "Zeit gewinnen".
Es steht mir frei, es der Schildkröte gleich zu tun, schwimmen zu lernen und
mich einfach vom Fluss der Zeit im Hier und Jetzt tragen zu lassen, und die
kostbaren Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre des restlichen Lebens
zu nutzen, als das was sie eigentlich sind, ein gnadenvolles Geschenk Gottes an
die Menschen !
"Sieh eine Welt in einem Körnchen Sand
und einen Himmel in der wilden Blume,
greif das Unendliche mit deiner Hand,
und fühle Ewigkeit in einer Stunde."
William Blake